Zuerst nur ein Piepsen im Ohr: Über den Musik-Tinnitus

Oktober 15, 2014

In England ist ein neuer Tinnitustyp aufgetreten. Er begann
mit einem Piepsen im Ohr und entwickelte sich dann zu Musik
.

Opfer dieser eigentümlichen Entwicklung, die erst jetzt ans Licht kam, ist die Rentnerin Susan Root. Ursprünglich litt sie unter einem "normalen" Tinnitus: Sie kämpfte mit einem Piepsen im Ohr und von Zeit zu Zeit auch mit anderen Geräuschen. Doch dann veränderten sich die Dinge: Das Ohrenpiepsen wandelte sich zu Musik. Es sei viel mehr als ein klassischer Ohrwurm gewesen, so Root: Statt des Piepsen im Ohr habe sie tatsächlich durchgängig den "How much is that Doggie in the Window playing" gehört – für ganze vier Jahre. Danach veränderte sich wieder etwas: Das Piepsen im Ohr kam nicht etwa zurück: Die Britin hört nun "Somewhere over the Rainbow".

Der Musik-Tinnitus ist geboren

Root ist ihr Platz in den medizinischen Geschichtsbüchern sicher. Ein Tinnitus, der sich beispielsweise über ein Ohrenpiepsen manifestiert, ist bekanntlich keine Seltenheit, sondern eine Volkskrankheit. Ein Musik-Tinnitus ist hingegen bislang eher ein Phantom gewesen. Es gab vereinzelte Berichte, doch Root ist der erste dokumentierte Fall, der von Experten in aller Breite untersucht werden konnte. Die 65-Jährige würde auf diese Ehre wohl aber lieber verzichtet haben: Das Piepsen im Ohr und der erste Song wären kein Problem mehr für sie gewesen, schildert die Rentnerin. Sie habe sich an diese Beschallung gewöhnt. Doch nach der Veränderung des Lieds gehe es ihr sehr schlecht: Ihr Tinnitus lasse sie seit zwei Wochen in der Nacht kaum noch schlafen. Nervlich sei sie am Ende ihrer Kräfte angekommen.

Ärzte stehen vor einem Rätsel

Root hat wegen ihres Tinnitus bereits zahlreiche Ärzte aufgesucht. Keiner konnte sich den Musik-Tinnitus erklären. Es wusste auch niemand eine Antwort darauf, weshalb sich das Piepsen im Ohr zum ersten Lied gewandelt habe. Oder warum bei der zweiten Veränderung nicht das Ohrenpiesen zurückgekehrt sei, sondern die ehemalige Reinigungskraft nun ein anderes Lied hört. Hoffnungen auf Hilfe habe sie nicht mehr, schildert die Britin: Die Ärzte hätten versagt, das Piepsen im Ohr und die anderen Geräusche zu bekämpfen. Gleiches habe für den Moment gegolten, als der Musik-Tinnitus das Ohrenpiepsen abgelöst habe und nun sei es auch nicht anders.

Halluzinationen oder Schwerhörigkeit?

Für das ursprüngliche Piepsen im Ohr haben die Mediziner aber inzwischen eine Theorie aufgestellt, die zu den jüngsten Forschungsergebnissen passt. Das Ohrenpiepsen sei ein Ergebnis einer beginnenden Schwerhörigkeit gewesen. Dies bestätigt die Britin: Sie höre nicht sehr gut. Als der Hörverlust angefangen habe, sei auch das Piepsen im Ohr aufgetreten. Aber warum jenes durch Musik abgelöst wurde, bleibt ein Rätsel. Die Mediziner haben es auf zwei Möglichkeiten eingegrenzt: Das Piepsen im Ohr ist demnach durch einen Musik-Tinnitus abgelöst worden, weil die Britin unter einem besonderen neurologischen Problem leide. Oder, was als wahrscheinlicher gilt: Das Piepsen im Ohr wurde von Liedern verdrängt, die eine Halluzination sind.

Schützt das Gehirn durch Musik?

Im zweiten Fall bedeutet dies nicht, dass sich Root die Geräusche ausdenken würde oder einfach nur die Hilfe eines Psychologen braucht – ganz im Gegenteil. Eine gängige Theorie sagt, dass das Gehirn in der Lage ist, den Menschen vor einem Tinnitus wie das Ohrenpiepsen einer ist, zu schützen. Möglicherweise hat es einfach die Lieder in Form einer Halluzination über das Piepsen im Ohr und andere Geräusche gelegt, um den Alltag erträglich zu gestalten. Genau sagen wird es man zu Lebzeiten von Root wohl nicht mehr können. Der Musik-Tinnitus ist eine neue Erscheinung und die Forschung hat gerade erst begonnen.

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