Klingeln im Ohr: Die heilende Kraft der Vorstellung

Juni 5, 2014

Wer unter einem Klingeln im Ohr oder einer anderen Form des Tinnitus
leidet, benötigt häufig keine lange Therapie, sondern die Vorstellung

Weg vom Klingeln im Ohr durch die Macht der Selbstbeeinflussung. Dies zeigen aktuelle Forschungsergebnisse, die von Dr. Jörg Frommer, Dr. Evelin Ackermann und Dr. Michael Langenbach im Rahmen der Studie "Sinnkonstituierungsprozesse bei Tinnitus" präsentiert wurden. Demnach kann die Kraft der Vorstellung zwar das Ohrenklingeln nicht beseitigen, aber es erträglich machen. Vereinfacht ausgedrückt: Wenn man dem Klingeln im Ohr einen Sinn zuordnet, verschwinden ein Großteil der Probleme. Ironischerweise hilft es auch, die eigenen Vorstellungen genau umgekehrt gegen das Klingeln im Ohr einzusetzen.

Dies steckt hinter der "Sinnkonstituierung beim Tinnitus"

Die Studie wandte sich speziell an die Betroffenen von einem chronischen Tinnitus, bei denen z.B. das Ohrenklingeln sogar manifest geworden ist – also das Leben beherrscht. Die Ausgangsüberlegung lautete dabei, das beispielsweise das Ohrklingeln vor allem deshalb eine so große Belastung ist, weil es ein fremdartiges Geräusch ist, dem keine Funktion bzw. Bedeutung zugeordnet ist. Wenn man in seinem Bett liegt und sich umdreht, stört einen das Rascheln der eigenen Bettdecke nicht so sehr wie z.B. das Klingeln im Ohr oder die anderen Tinnitus-Geräusche, weil dem Rascheln ein Sinn zugeordnet ist. Gelingt dies auch beim Ohrenklingeln, so könnte man das Geräusch ebenso akzeptieren. 

Das Ohrklingeln mit Sinn erfüllen

Den Forschern gelang es, das Klingeln im Ohr für viele Menschen mit Sinn zu erfüllen. Sie forderten, dass sich die Patienten auf das Ohr ohne Tinnitus konzentrieren sollten. Das Ohrenklingeln wurde auf diese Weise der Beweis dafür, dass man bewusst das eine oder andere Ohr auswählen kann, mit dem man hören möchte. Ganz so, wie das Geräusch beim Fingerschnippen der Beleg dafür ist, dass man eben diese Tätigkeit gerade ausgeübt hat. Das Ohrklingeln wird so sinnstiftend, weil es auf einmal mit Vorgängen innerhalb des Körpers verbunden ist.

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Dabei ist es unerheblich, ob beide Ohren vom Tinnitus betroffen sind oder nur eines – solange sich die Geräusche nur unterscheiden und man also ganz bewusst auswählen kann, welches Ohr gerade zum Hören verwendet werden soll. Man trainiert dem eigenen Bewusstsein (Retraining) an, die Geräusche nicht mehr als isoliert wahrzunehmen, sondern als festen Teil einer bestimmten körperlichen Tätigkeit zu verstehen. Ganz so, wie man sich auch nicht beim Sport daran stört, dass man schneller atmet. Dies gehört dann einfach dazu, obwohl die schnelle Atemfrequenz eigentlich nicht normal ist. Das funktioniert aber nicht bei jedem Betroffenen.

Die Umkehrung: Das Klingeln im Ohr demütig hinnehmen

Nicht jeder Mensch kann das Klingeln im Ohr oder ein anderes Geräusch jedoch sinnstiftend mit Körperfunktionen verbinden. Die innere Hemmschwelle ist einfach zu groß. Für sie kann aber auch die Umkehrung funktionieren. Sie ergeben sich beim Klingeln im Ohr demütig ihrer Ohnmacht und akzeptieren, dass sie dem Tinnitus ausgeliefert sind. Auf diese Weise wird das Geräusch ausgeliefert. Hier ähnelt das Verfahren dem Prozess, der im Körper vorgeht, wenn man sich beispielsweise das Schienbein gestoßen hat. Der Schmerz ist in diesem Fall einfach erst einmal da, ganz gleich, was man auch tut. Genau so kann man auch lernen, das Klingeln im Ohr zu akzeptieren. In diesem Fall wird von den Patienten allerdings ein großer Schritt verlangt: Sie müssen den Kampf gegen die Tinnitus Geräusche aufgeben. Nur eine Person, die wirklich vor dem Klingeln im Ohr kapituliert und es als Teil seines weiteren Lebens akzeptiert, kann es so weit annehmen, dass der Körper vermittelt, dass es aushaltbar ist.

Vorstellungen sind nicht immer nur positiv

Allerdings belegte die Studie zugleich auch, dass die "Krankheitsvorstellungen", wie sie offiziell getauft wurden, nicht immer positiv sind, weshalb sie der unbedingten Steuerung durch Experten bedürfen. Vorstellbar ist z.B., dass das Klingeln im Ohr eigentlich durchaus geheilt werden kann. Allerdings hat sich der Patient seiner Ohnmacht ergeben und weigert sich die Therapie zumachen. In diesem Fall verliert er unnötigerweise einen großen Teil Lebensqualität. Es gilt deshalb: Man darf nicht zu schnell aufgeben und keinesfalls in Eigenregie arbeiten.

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